voestalpine in Linz: Werk, Zahlen und die neue Stahlwelt
Über 12.000 Menschen arbeiten am Standort Linz, 15,1 Milliarden Euro Umsatz im Geschäftsjahr 2025/26. Wie aus einem Rüstungswerk von 1938 ein Weltkonzern wurde, was das LD-Verfahren damit zu tun hat - und wie Sie das Werk seit dem Umbau der Stahlwelt selbst besichtigen können.
voestalpine: Linz' größter Arbeitgeber und internationaler Stahl- und Technologiekonzern
Fünf Quadratkilometer Werksgelände, rund 10.000 Beschäftigte allein in Linz: Die voestalpine ist der größte Arbeitgeber der Stadt - und ihre Geschichte beginnt mit einem Datum, das nichts Rühmliches hat. Der Spatenstich fiel am 13. Mai 1938, wenige Wochen nach dem „Anschluss", für ein Rüstungswerk des NS-Regimes. Was danach kam: Verstaatlichung 1946, mit dem LD-Verfahren 1952 eine echte Linzer Weltneuheit, Börsengang 1995, heute ein Konzern mit 48.800 Beschäftigten und 15,1 Milliarden Euro Umsatz.
Die Gründung 1938: Rüstungswerk im Dritten Reich
Der Spatenstich erfolgte am 13. Mai 1938 in Linz-St. Peter, wenige Wochen nach dem „Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich. Gründer waren die „Reichswerke Aktiengesellschaft für Erzbergbau und Eisenhütten „Hermann Göring"", eine Tochter des 1937 gegründeten Berliner Industriekonzerns Reichswerke AG. Die Linzer Anlagen waren von Beginn an Teil der deutschen Rüstungsindustrie und wurden ab 1941 schrittweise in Betrieb genommen. Zwangsarbeiter:innen, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge wurden zur Arbeit gezwungen: zivile Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ab 1938/39, KZ-Häftlinge ab Jänner 1943 in den eigens errichteten Mauthausen-Außenlagern Linz I, II und III. Insgesamt waren rund 38.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus etwa 35 Ländern im Einsatz; für den Werksbau wurden die Orte St. Peter und Zizlau abgesiedelt. Ein Kapitel, das voestalpine heute im Zeitgeschichte MUSEUM auf dem Werksgelände aufarbeitend aufarbeitet. Die historische Ausstellung „1938-1945 in der voestalpine" ist öffentlich zugänglich und dokumentiert die Verstrickung des Werks in NS-Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit. Mehr zum Linzer Umgang mit der NS-Zeit im Zweiter-Weltkrieg-Artikel und auf voestalpine.com/historie.
1945-1946: Verstaatlichung und Umbenennung zur VÖEST
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Werk 1945 in VÖEST (Vereinigte Österreichische Eisen- und Stahlwerke AG) umbenannt. Die Verstaatlichung erfolgte 1946 im Rahmen der österreichischen Nachkriegs-Wirtschaftspolitik - das Werk ging direkt in Bundeseigentum über. Linz lag in der US-amerikanischen Besatzungszone, das Werk wurde von US-Behörden zunächst kontrolliert, dann in die österreichische Staatsverantwortung übergeben. Die VÖEST war ab Ende der 1940er-Jahre der Motor der österreichischen Industrie-Wiederaufbau - mit schneller Produktionssteigerung, technologischer Erneuerung und wachsender Belegschaft.
Das LD-Verfahren: Linzer Erfindung erobert die Welt
Die wichtigste technologische Innovation der VÖEST und eine der bedeutendsten Erfindungen der österreichischen Industriegeschichte: das LD-Verfahren (Linz-Donawitz-Verfahren) - ein revolutionäres Verfahren zur Stahlerzeugung. Die Entwicklung begann ab 1949, am 27. November 1952 ging der erste Konverter im LD-Stahlwerk 1 in Linz in Betrieb. Die offizielle Eröffnung des weltweit ersten LD-Stahlwerks erfolgte am 5. Januar 1953 durch Bundespräsident Theodor Körner. Das Verfahren verdrängte international innerhalb weniger Jahrzehnte die älteren Siemens-Martin- und Thomas-Verfahren und wurde zur Standardtechnologie der globalen Stahlindustrie. Die Grundidee: reiner Sauerstoff wird von oben auf flüssiges Roheisen geblasen, die Kohlenstoff-Verbrennung erzeugt die nötige Temperatur - ohne externe Energiezufuhr. Die Konverter wurden über die Jahre deutlich vergrößert. Das LD-Verfahren ist eine der wenigen echten Linzer Weltneuheiten - und machte die Stadt zum weltweiten Referenzort der Stahltechnologie. Mehr im LD-Verfahren-Dossier.
1973: Fusion mit Alpine Montan zur VÖEST-Alpine
In den Nachkriegsjahrzehnten gab es zwei große österreichische Stahl-Verstaatlichten-Gruppen: die VÖEST Linz (Oberösterreich) und die Alpine Montan AG Donawitz (Steiermark). 1973 wurden beide Unternehmen zur VÖEST-Alpine AG fusioniert - einer der größten Industrie-Zusammenschlüsse der österreichischen Geschichte. Der Konzern war in den 1970er- und 1980er-Jahren der größte industrielle Arbeitgeber Österreichs mit bis zu 80.000 Mitarbeiter:innen. In den 1980er-Jahren geriet das Unternehmen jedoch in eine schwere Krise - veraltete Strukturen, internationale Wettbewerbsverluste, politische Einflussnahme. Die „VÖEST-Krise" 1985/86 wurde zu einem zentralen österreichischen Wirtschaftsereignis und führte zur Umstrukturierung des gesamten verstaatlichten Sektors.
1995-2003: Privatisierung und Börsengang
Die Privatisierung begann 1995 mit dem Teilverkauf von Staatsanteilen. Das Unternehmen wurde neu strukturiert, nichtzentrale Geschäftsbereiche verkauft, die Kernstahlproduktion fokussiert. 2003 erfolgte der vollständige Börsengang der voestalpine AG an der Wiener Börse - einer der erfolgreichsten Börsengänge der österreichischen Geschichte. Die neue Schreibweise „voestalpine" (ohne Bindestrich, klein geschrieben) wurde als modernes Corporate Design etabliert. 2007 erfolgte die Übernahme der BÖHLER-UDDEHOLM AG - eine der großen Akquisitionen, die voestalpine zum weltweit führenden Spezialstahl-Hersteller machte. Der Konzern gliederte sich in vier Divisionen: Steel Division, High Performance Metals, Metal Engineering, Metal Forming.
voestalpine heute: Konzern-Struktur und Zahlen
Die voestalpine AG ist heute ein börsennotierter Stahl- und Technologiekonzern mit Hauptsitz in Linz. Die Zahlen aus dem Geschäftsjahr 2025/26:
- 48.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit (Stand 31. Dezember 2025)
- 15,1 Milliarden Euro Umsatz
- 1,5 Milliarden Euro EBITDA, gegenüber 1,35 Milliarden im Jahr davor
- 724 Millionen Euro EBIT - ein Plus von 59 Prozent
- 424 Millionen Euro Gewinn nach Steuern, nach 179 Millionen im Vorjahr
- Über 500 Konzerngesellschaften in mehr als 50 Ländern
- Linzer Stahlwerk mit 6.827 Beschäftigten und 399 Lehrlingen; am gesamten Standort Linz arbeiten über 12.000 Menschen - damit ist voestalpine der größte Arbeitgeber der Stadt
- Steel Division mit dem Schwerpunkt Linz
Die Produktpalette reicht von klassischen Stahlblechen für Auto-, Haushaltsgeräte- und Bauindustrie über Schienen für Eisenbahnen, Drähte, Spezialstähle (Werkzeugstahl, Edelstahl), Bahnweichen bis zu High-Tech-Produkten wie Stähle für Windkraftanlagen und Luft- und Raumfahrt. Kunden sind die weltweit größten Automobilhersteller, Eisenbahn-Betriebe, Bau- und Maschinenbaukonzerne.
H2FUTURE und greentec steel: Die CO2-freie Stahlzukunft
voestalpine hat sich in den letzten Jahren als Pionier der grünen Stahlproduktion positioniert. 2019 eröffnete in Linz die H2FUTURE-Pilotanlage - damals die weltweit größte Pilotanlage für CO2-freie Stahlproduktion mit grünem Wasserstoff. Die Kernstück sind Elektrolichtbogenöfen - der Linzer fasst 180 Tonnen pro Charge; die Wasserstoff-Pilotanlage H2FUTURE läuft davon getrennt. Das greentec-steel-Programm investiert 1,5 Milliarden Euro in elektrische Lichtbogenöfen, die ab 2027 die Stahlproduktion in Linz und Donawitz schrittweise dekarbonisieren sollen. Das Ziel: Reduktion der österreichischen CO2-Emissionen um rund 5 Prozent. Für Linz ist die grüne Stahltransformation ein Jahrhundert-Projekt - vergleichbar mit der LD-Verfahren-Einführung der 1950er. Mehr auf greentecsteel.
Die Stahlwelt besuchen: seit Juni 2026 neu
Wer das Werk nicht nur von der Autobahn aus sehen will, kommt an der voestalpine Stahlwelt nicht vorbei - dem Besucherzentrum auf dem Werksgelände an der voestalpine-Straße 4. Nach rund zwei Jahren Umbau hat es am 23. Juni 2026 wieder aufgesperrt: Die Ausstellung wurde architektonisch wie inhaltlich neu angelegt, mit offeneren Räumen und digitalen Stationen. Seit 13. Juli 2026 laufen auch die Touren wieder täglich.
Die eigentliche Attraktion ist nicht die Ausstellung, sondern die Werkstour. Sie führt mit dem Bus über das Betriebsgelände, vorbei an Hochöfen und Stranggussanlagen - Bereiche, die sonst niemand von innen sieht. Sie ist nur im Kombiticket buchbar und braucht Voranmeldung.
Die Preise (Stand August 2026):
- Führung durch die Ausstellung: 14,00 Euro, ermäßigt 12,00 Euro
- Kombiticket aus Eintritt, Führung und Werkstour: 29,00 Euro, ermäßigt 27,00 Euro
- Schülerinnen und Schüler im Klassenverband: 4,00 Euro, mit Werkstour 8,00 Euro
- Kinder unter sechs Jahren zahlen nichts
Geöffnet ist Montag bis Samstag von 9 bis 17 Uhr, an Sonn- und Feiertagen bleibt geschlossen. Für Einzelbesucherinnen und -besucher sind Mittwoch, Donnerstag und Samstag von 9 bis 17 Uhr sowie Freitag von 13 bis 17 Uhr vorgesehen; Gruppen ab 15 Personen und Schulklassen werden nach Voranmeldung auch an den übrigen Tagen geführt. Anmeldung unter +43 50304 15-8900. Rund 80.000 Menschen kommen jährlich. Details und Termine stehen bei der Stahlwelt selbst.
Die vier Fragen, die am häufigsten gestellt werden
Was wird in Linz produziert? Der Linzer Standort ist das Herz der Steel Division. Hier entstehen Stahlbänder und -bleche für die Automobil-, Hausgeräte- und Bauindustrie, dazu Grobbleche und Spezialgüten. Verarbeitet wird der Linzer Stahl später in Autokarosserien, Haushaltsgeräten und Bauteilen weltweit.
Wie hieß voestalpine früher? Der Betrieb startete 1938 als Teil der Reichswerke Hermann Göring. Nach dem Krieg wurde er 1945/46 verstaatlicht und in VÖEST umbenannt - Vereinigte Österreichische Eisen- und Stahlwerke. Mit der Fusion mit der Alpine Montan wurde daraus 1973 die VÖEST-Alpine, seit der Privatisierung schreibt sich der Konzern voestalpine, klein und in einem Wort.
Wie viele Menschen arbeiten in Linz? Im Stahlwerk sind es 6.827, dazu kommen 399 Lehrlinge. Rechnet man alle Konzerngesellschaften am Standort zusammen, arbeiten in Linz über 12.000 Menschen für voestalpine.
Kann man das Werk besichtigen? Ja, aber nur im Rahmen der Werkstour über die Stahlwelt und nur mit Voranmeldung. Ein freier Zugang zum Betriebsgelände besteht nicht.
Was Sie über voestalpine wissen sollten
Das Werksgelände: Größe, Lage, Infrastruktur
Das voestalpine-Werksgelände in Linz erstreckt sich über rund 5 Quadratkilometer im Linzer Hafen- und Industriegebiet, auf dem Gebiet der 1938 abgesiedelten Orte St. Peter und Zizlau. Das Werk hat eigene Bahnstrecken, Hafenanlagen und Straßennetze. Die sichtbaren Landmarken aus der Linzer Innenstadt: hohe Schornsteine, Hochöfen, der Stahlwerks-Komplex. Bei klarer Sicht sind die voestalpine-Anlagen vom Pöstlingberg aus hervorragend zu sehen - mehr im Pöstlingbergbahn-Artikel. Das Werk produziert 24 Stunden, 7 Tage die Woche mit Schichtbetrieb - Linz ist eine der wenigen österreichischen Städte mit durchgehend erleuchteten Industrie-Anlagen.
Zeitgeschichte-Museum auf dem Werksgelände
Das Zeitgeschichte-Museum der voestalpine auf dem Werksgelände ist einer der wichtigsten österreichischen Erinnerungsorte zur NS-Industrie-Geschichte. Die Ausstellung „1938-1945 in der voestalpine" dokumentiert die Werksgründung, die Zwangsarbeit, die KZ-Außenlager und die Nachkriegs-Entnazifizierung. Für Einzelbesucher gilt: Freitag 13 bis 16 Uhr, Samstag 9 bis 12:30 und 13 bis 16 Uhr, Eintritt frei, Führung 2 Euro, Schülergruppen gratis. Das Museum ist Teil des unternehmenseigenen Engagements für historische Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit.
voestalpine als Linzer Kulturfaktor
Über die reine Industrie hinaus ist voestalpine einer der wichtigsten Kultur-Sponsoren in Linz und Oberösterreich. Der Brucknerfest-Sponsor, Ars-Electronica-Partner, Kunstuniversitäts-Förderer. Dazu kommt die Stahlwelt, die seit ihrer Eröffnung 2009 rund 750.000 Besucherinnen und Besucher gezählt hat - Preise und Zeiten stehen weiter oben.
voestalpine im Linzer Alltag
Die voestalpine prägt Linz als größter lokaler Arbeitgeber, als Wirtschaftsmotor der Region und als Identitätsmerkmal der Stadt. Linzer:innen sprechen oft einfach von „dem Werk" - gemeint ist immer die voestalpine. Die Schichtzeiten prägen den Verkehr zu bestimmten Zeiten (Pendler-Spitzen morgens und abends), die Werkskantine und die voestalpine-Werkswohnungen sind bis heute Teil des Linzer Stadtbilds. Trotz der Automatisierung der letzten Jahrzehnte bleibt Linz die „Stahlstadt" Österreichs - ein Status, der auch im internationalen Marketing von „Linz an der Donau" nachwirkt. Mehr zur Linzer Industriegeschichte im Alte-Linzer-Berufe-Artikel.