LINZ JOURNAL

Alte Linzer Berufe: Schiffleute, Pferdeeisenbahner, Tabakarbeiterinnen

Schiffleute und Fergen an der Donau, Pferdeeisenbahner der Linz-Budweis-Linie (1832), Tabakarbeiterinnen der Tabakfabrik, Schiffszieher und Treideler, Schiffmüller und Fischer am Donauufer - die verschwundenen Linzer Berufe vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, verankert im Donau-Verkehr und in der frühen Industrialisierung.

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Alte Linzer Berufe: Schiffleute, Pferdeeisenbahner, Tabakarbeiterinnen

Verschwundene Linzer Berufe im Überblick

Bevor die Eisenbahn kam, lebte Linz von der Donau. Schiffleute zogen die Zillen stromaufwärts, Fischer versorgten die Stadt, Flößer brachten Holz aus dem Mühlviertel - Berufe, die im 19. Jahrhundert binnen weniger Jahrzehnte verschwanden. An ihre Stelle trat eine neue Arbeiterschaft: die Tabakarbeiterinnen, zu neunzig Prozent Frauen, und später die Belegschaften der Stahlwerke.

Schiffleute und Fergen: Die Donau als Arbeitsplatz

Die Schiffleute waren der Sammelbegriff für die vielfältigen Berufe der Donau-Schifffahrt - Schiffleute, Fergen (Fährleute), Schiffszieher, Treideler, Schiffmüller und Fischer. Bevor die Dampfschifffahrt (1837/38) und die Eisenbahn die Flussschifffahrt ablösten, wurden Schiffe flussaufwärts mit Menschen- oder Pferdekraft gezogen - die sogenannten Treidelwege am Ufer sind teilweise heute noch als Wanderwege erhalten. Die Schiffleute waren eine eigenständige Linzer Berufsgruppe mit eigenem Wohnquartier am Donauufer - viele wohnten in den einfachen Häusern direkt am Fluss, oft im überschwemmungsgefährdeten Bereich. Die Siedlung verlagerte sich um das Jahr 1000 auf die hochwassersichere Terrasse am Alten Markt. Mit der Industrialisierung verschwand der Beruf weitgehend, einzelne Spuren (Schiffmüller, Berufsfischer) hielten sich länger.

Pferdeeisenbahner: Linz-Budweis-Gmunden

Linz lag an einer der ersten Eisenbahnen des europäischen Kontinents - der Pferdeeisenbahn Budweis-Linz, deren regulärer Betrieb am 1. August 1832 begann. Mit rund 200 Kilometern Gesamtlänge war sie zugleich die längste Pferdeeisenbahn der Welt. Die Wagen liefen auf Holzschienen mit Flacheisenauflage in der ungewöhnlichen Spurweite von 1.106 Millimetern. Am Anfang stand der Mathematiker und Physiker Franz Joseph Gerstner; sein Sohn Franz Anton bekam den Auftrag zur Umsetzung, ab 1829 leitete der erst 21-jährige Wiener Ingenieur Matthias Schönerer das Projekt. Die Strecke verlief vom Linzer Donauufer nordwärts nach Budweis (heute Tschechien) und diente vor allem dem Salz-Transport vom Salzkammergut in Richtung Tschechien. 1836 wurde die Strecke um den südlichen Ast Linz-Gmunden erweitert, sodass ab diesem Zeitpunkt Salz durchgehend per Bahn vom Salzkammergut bis Budweis transportiert werden konnte. Der Beruf des Pferdeeisenbahners umfasste: Pferdelenker, Waggonlader, Streckenkontrolleure, Stations-Aufseher. Der Abschnitt Linz-Gmunden wurde 1855/56 auf Dampfbetrieb umgestellt; die regulären Personenzüge fuhren ab 1. Juni 1855 mit der Lokomotive. Heute erinnert ein Pferdeeisenbahn-Museum (in Kerschbaum im Mühlviertel, rund 50 km nördlich Linz) an diese Berufsgruppe.

Tabakarbeiterinnen: Die Linzer Tabakfabrik

Die Tabakfabrik Linz am Peter-Behrens-Platz war von 1850 bis 2009 eine der größten Tabakverarbeitungs-Anlagen Österreichs. Das Gebäude entstand zwischen 1929 und 1935 als Österreichs erste Stahlskelettkonstruktion im Stil der Neuen Sachlichkeit, entworfen von Peter Behrens und Alexander Popp in den 1930ern in industriellem Stil errichtet. Begonnen hatte alles als Notmaßnahme: Nachdem die Linzer Wollzeugfabrik 1850 den Betrieb einstellte, wurde ein Teil der Anlage auf Rauch- und Kautabak umgestellt. Schon 1859 arbeiteten dort mehr als 1.000 Menschen. Um 1900 bestand die Belegschaft nach Angaben des Stadtarchivs zu 90 Prozent aus Frauen. Arbeitsbereiche: Sortierung der Tabakblätter, Rollen der Zigaretten und Zigarren, Packerei, Qualitätskontrolle. Die Mechanisierung drehte dieses Verhältnis später: An die Maschinen kamen zunehmend Männer, den Frauen blieb die schlechter bezahlte Handarbeit. 1917 entstand am Werksgelände eine Kinderbetreuung. Die Frauen arbeiteten oft in familiärer Nachfolge - Mutter, Tochter, Großmutter in der gleichen Halle. Die Tabakfabrik war ein früher Arbeitsplatz mit Frauen-Schwerpunkt und prägte das Linzer Sozialgefüge erheblich. 2009 wurde der Betrieb eingestellt, das Gebäude ist heute ein Kreativ-Quartier mit Mietern wie der Linzer Brauerei im ehemaligen Kraftwerk; das Arcotel und das Q27 sitzen dagegen im benachbarten Quadrill-Turm. Mehr in unseren Craft-Beer-Guide und Lounges-Guide.

Schiffmüller: Donau-Mühlen auf Schiffen

Der Beruf des Schiffmüllers war eine Linzer Donau-Spezialität. Schiffmühlen waren auf schwimmenden Plattformen befestigte Mühlen, die die Strömung der Donau zum Antreiben der Mahlwerke nutzten. Eine Schiffmühle bestand aus zwei hölzernen Schiffen - dem Hausschiff mit Mahlraum und Müllerwohnung und dem Mühlschiff -, dazwischen lief ein sehr breites unterschlächtiges Wasserrad. An der Donau sind solche Mühlen seit dem 15. Jahrhundert belegt, wie das Heimatlexikon festhält. Die Schiffmüller waren oft in Familienbetrieben organisiert und mussten ihre Mühlen je nach Wasserstand der Donau verankern und umpositionieren. Die meisten blieben bis zur Donauregulierung von 1870 bis 1875 in Betrieb, einzelne noch länger; 1930 stellte die letzte Schiffmühle an der österreichischen Donau ihren Betrieb ein. Dampf- und später Elektromühlen erledigten den Rest. Heute erinnern in der Linzer Stadtgeschichte nur noch historische Darstellungen und Straßennamen an diese Berufsgruppe.

Voest-Arbeiter: Vom Hermann-Göring-Werk zum VOEST-Bürger

Die VÖEST/voestalpine-Arbeiter sind zwar kein verschwundener Beruf - das Stahlwerk ist bis heute Linz' größter Arbeitgeber - aber die Arbeiter-Kultur der Nachkriegszeit ist eine eigene Linzer Identitäts-Schicht. Das Stahlwerk wurde 1938 als Reichswerke Hermann Göring gegründet - unter nationalsozialistischen Bedingungen und mit Zwangsarbeit. Nach 1945 wurde das Werk verstaatlicht und entwickelte sich in den 1950er-1970er Jahren zu einem der wichtigsten österreichischen Industrie-Standorte. Die VOEST-Arbeiter der Nachkriegszeit bildeten einen eigenen Linzer Stadtteil-Charakter - Bindermichl-Keferfeld, Kleinmünchen-Auwiesen, Franckviertel wurden stark von den Arbeiter-Wohnungen geprägt. Mit der teilweisen Privatisierung Ende der 1990er und der Umstrukturierung der Industrie änderte sich die Rolle der VOEST-Arbeiter - vom klassischen Industrie-Arbeiter zum modernen Techniker mit Spezialausbildung. Mehr in unserem Linz-nach-1945-Artikel.

Fischer und Donau-Fischerei

Die Donau-Fischerei war bis ins 20. Jahrhundert ein etablierter Linzer Beruf. Linzer Fischer fingen vor allem Donau-Wels, Huchen, Hecht und Forelle in den Donau-Seitenarmen und Flussregionen vor der Stadt. Fisch war in der Linzer Küche ein wichtiger Bestandteil - vor allem an Fastentagen. Mit der Industrialisierung, der Donauregulierung und der Wasserverschmutzung des 19. und 20. Jahrhunderts verschwand die Berufsfischerei. Heute gibt es in Linz nur noch einzelne Hobbyfischer und Angel-Clubs, die klassische Berufsfischerei ist erloschen. Die Fischergasse in Urfahr (mehr im Craft-Beer-Guide), erinnert als Straßenname an diese Tradition.

Buchdrucker und Handwerker der Gegenreformation

Linz war im 16. und 17. Jahrhundert ein wichtiger Buchdruck-Standort - hier wurden Werke von Johannes Kepler (während seiner Linzer Jahre 1612-1626) gedruckt. Der Beruf des Buchdruckers war eine eigene Linzer Handwerks-Tradition mit Gilden-Strukturen. In Linz wurden Keplers Rudolfinische Tafeln gedruckt; die Druckerei brannte 1626 ab, die astronomische Tafeln, religiöse Traktate und wissenschaftliche Werke produzierten. Mit der Gegenreformation und der Vertreibung protestantischer Bürger (zu denen Kepler gehörte) verlagerte sich der Buchdruck teilweise, blieb aber in kleinerem Umfang erhalten. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Linz zu einem Zentrum des oberösterreichischen Zeitungswesens mit Zeitungsredaktionen und Druckereien. Mehr in unserem Kepler-Linz-Artikel.

Was Sie über die alten Linzer Berufe wissen sollten

Linz als Donauhafen-Stadt

Die meisten verschwundenen Linzer Berufe hingen mit der Donau als zentraler Verkehrs- und Wirtschafts-Achse zusammen. Bis ins 19. Jahrhundert war die Donau-Schifffahrt das wichtigste Transportmittel für schwere Güter (Salz, Holz, Getreide) - Linz profitierte als einer der wichtigsten Donauhäfen zwischen Passau und Wien. Mit der Eisenbahn-Entwicklung ab 1832 und der Industrialisierung wurden viele Donau-Berufe überflüssig. Heute ist die Donau-Linie weiterhin eine wichtige Verkehrsachse, aber die klassischen Schiffleute-Berufe sind weitgehend verschwunden. Die DDSG Blue Danube mit ihren Donau-Schifffahrten ist eine der wenigen Linzer Verbindungen zur klassischen Donau-Schifffahrts-Tradition - mehr im Romantisches-Linz-Guide.

Industrialisierung und Arbeiter-Kultur

Die Linzer Industrialisierung brachte ab dem späten 19. Jahrhundert neue Berufsgruppen: Werft-Arbeiter, Lokomotivbauer, Textilarbeiter, Lebensmittel- und Getränke-Arbeiter. Die Industrie entwickelte sich überwiegend abseits des Stadtzentrums - rund um den Hafen, in Kleinmünchen und später im Bereich der heutigen voestalpine. Die Linzer Arbeiter-Kultur prägte die Stadtteile Bindermichl-Keferfeld, Kleinmünchen-Auwiesen und Franckviertel - Charaktere, die bis heute in der Linzer Stadt-Identität erkennbar sind. Mehr in unseren Stadtteile-Übersicht und Linz-nach-1945-Artikel.

Linzer Berufsspuren heute

Wer die Linzer Berufsgeschichte nachverfolgen möchte, findet mehrere Spuren. Stadtarchiv Linz mit Dokumenten zu historischen Berufen. Nordico Stadtmuseum mit wechselnden Ausstellungen zur Linzer Stadt- und Sozialgeschichte (mehr im Galerien-Linz-Guide). Tabakfabrik Linz mit ihrer Umnutzung als Kreativquartier - mit Ausstellungs-Elementen zur eigenen Fabrik-Geschichte. Pferdeeisenbahn-Museum in Kerschbaum für die Bahn-Historie. Donauufer-Spaziergang an der Fischergasse und dem Urfahrmarkt-Bereich mit historischen Bezügen. Für Linzer mit Interesse an der Sozial- und Arbeits-Geschichte ihrer Stadt eine der vielfältigeren Spuren-Landschaften Österreichs.

Straßennamen mit Berufsbezug

Mehrere Linzer Straßennamen erinnern an verschwundene Berufe. Fischergasse in Urfahr (Donau-Fischer). Fabrikstraße, 1869 nach einer ehemaligen Wollzeugfabrik benannt. Poschacherstraße, 1899 nach der dort ansässigen Poschacher Brauerei benannt. Zollamtstraße, 1869 nach dem anliegenden Zollamt benannt. Ein Linzer Stadtspaziergang mit Fokus auf Straßennamen-Geschichte kann in 1-2 Stunden viele verschwundene Berufsgruppen sichtbar machen. Das Linz-Wiki bietet dazu eine detaillierte Straßennamen-Datenbank mit Erläuterungen.

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