LINZ JOURNAL

VALIE EXPORT: Die Linzer Pionierin des feministischen Aktionismus

VALIE EXPORT, am 17. Mai 1940 in Linz als Waltraud Lehner geboren und am 14. Mai 2026 in Wien gestorben, zählt zu den bedeutendsten österreichischen Künstlerinnen. Ihre Schlüsselwerke Tapp- und Tastkino (1968) und Aktionshose Genitalpanik (1969) schrieben Kunstgeschichte, in der Linzer Tabakfabrik forscht das VALIE EXPORT CENTER an ihrem Werk.

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VALIE EXPORT: Die Linzer Pionierin des feministischen Aktionismus

VALIE EXPORT: Die radikalste Linzer Künstlerin

Am 14. Mai 2026 ist VALIE EXPORT in Wien gestorben, drei Tage vor ihrem 86. Geburtstag. Geboren wurde sie am 17. Mai 1940 in Linz als Waltraud Lehner - und blieb die prominenteste gebürtige Linzerin der zeitgenössischen Kunst. Sie war eine Pionierin des feministischen Aktionismus, der Performance-, Medien- und Filmkunst. Ihre Werke „Tapp- und Tastkino" (1968) und „Aktionshose: Genitalpanik" (1969) haben Kunstgeschichte geschrieben und sind bis heute Referenzpunkte der feministischen Kunsttheorie. In der Tabakfabrik erforscht das VALIE EXPORT CENTER seit 2017 ihr Werk. Du kennst eine Valie-Export-Geschichte, die hier fehlt? Schreib an [email protected].

Die Linzer Jahre und der Künstlername 1967

Waltraud Lehner wurde am 17. Mai 1940 in Linz geboren. Über ihre frühen Linzer Jahre und den Familienhintergrund sprach sie selbst wenig - sie verbrachte Kindheit und Schulzeit in der oberösterreichischen Landeshauptstadt, ging dann nach Wien zur Textilschule Spengergasse und studierte danach an der Höheren Bundeslehranstalt für Textilindustrie. 1967 erfand sie ihren Künstlernamen VALIE EXPORT - ausschließlich in Großbuchstaben geschrieben, inspiriert von der österreichischen Zigarettenmarke „Smart Export". Der Name fungiert als Logo, Marke und Konzept - „EXPORT" steht für das Nach-außen-Tragen eigener Gedanken und Körper-Konzepte. Mit der Namensgebung wollte sie ein Gegengewicht zu traditionellen weiblichen Künstler-Identitäten schaffen. Auf die Großbuchstaben-Schreibweise bestand sie zeitlebens, in Publikationen wie in Ausstellungskatalogen.

Tapp- und Tastkino 1968: Das Schlüsselwerk

Das „Tapp- und Tastkino" ist ihr bekanntestes Werk und eine der einflussreichsten feministischen Aktionen der Kunstgeschichte. Die Performance wurde von 1968 bis 1971 in zehn europäischen Städten aufgeführt (Wien, München, Berlin, u.a.), realisiert in Kooperation mit dem Künstler Peter Weibel. Das Konzept:

  • VALIE EXPORT stand öffentlich auf der Straße mit einer Box vor dem Oberkörper, die ihre Brüste verdeckte und ein „Kino" darstellte.
  • Passanten konnten durch zwei Vorhänge an der Vorderseite die nackten Brüste für 12 Sekunden berühren - dabei Augenkontakt mit der Künstlerin.
  • Peter Weibel agierte als „Schausteller" und rief Passanten auf, das „erste echte Frauenkino" zu besuchen.

Die Performance stellte den klassischen männlichen Blick des Kinos auf den Kopf: statt passiver Betrachtung der Frau auf der Leinwand wurde der Mann zum aktiven Handelnden - während die Frau (die Künstlerin) subjekthaft und selbstbestimmt in der Situation agierte. Kunsthistorisch gilt „Tapp- und Tastkino" als der erste Schritt der Frau vom Objekt zum Subjekt in der Aktionskunst. Die Performance ist heute in Museen weltweit als historisches Foto- und Film-Dokument präsent.

Aktionshose: Genitalpanik 1969

Ein Jahr später, 1969, führte sie ihre zweite Schlüsselarbeit in einem kleinen Münchner Kino auf. Sie trat vor das Publikum mit einer „Aktionshose" - einer Mustang-Jeans, bei der der Schritt herausgeschnitten war - und lief durch die Zuschauerreihen, wobei ihr entblößter Unterleib auf Augenhöhe der sitzenden Zuschauer:innen war. Die Frage: Wie reagiert das Publikum, das „gewohnt" ist, weibliche Nacktheit auf der Leinwand konsumieren? Das zugehörige Kult-Plakat zeigt die Künstlerin mit Maschinenpistole und der herausgeschnittenen Jeans, provokant in die Kamera blickend. Das Bild wurde zur Ikone der feministischen Kunst der 1970er-Jahre und wird bis heute in Feminismus-Ausstellungen und Kunstgeschichte-Lehrbüchern abgedruckt. Die Aktion markiert den Moment, an dem weibliche Sexualität als revolutionärer Akt interpretiert wurde - nicht als passives Objekt, sondern als aktive, bedrohliche, selbstbestimmte Kraft.

Medien- und Filmkunst: Weitere Werke

Ihr Werk reicht weit über die beiden frühen Schlüsselarbeiten hinaus. Die wichtigsten Schaffensperioden:

  • 1960er-1970er: Aktionskunst, Performance, Body Art. Werke wie „Aus der Mappe der Hundigkeit" (1968, VALIE EXPORT führt Peter Weibel wie einen Hund an der Leine durch Wien), Touchcinema-Varianten, Straßenperformances.
  • 1970er-1980er: Experimentalfilm. „Invisible Adversaries" (1977) - erste abendfüllende Spielfilm-Produktion. „Menschenfrauen" (1980). „Die Praxis der Liebe" (1984).
  • 1980er-1990er: Medienkunst-Installationen, Video-Arbeiten, Fotoserie „Körperkonfigurationen" (Foto-Serie, in der sie ihren eigenen Körper architektonisch in städtische Räume einfügt).
  • 2000er-2020er: Retrospektiven, Museumsausstellungen, archivarisches Werk. Zahlreiche internationale Gastprofessuren, Auszeichnungen, Ehrungen.

Ihre Arbeiten sind in vielen der wichtigsten Museen der Welt vertreten - Museum of Modern Art (MoMA) New York, Centre Pompidou Paris, Tate Modern London, Museum Moderner Kunst Wien, Lentos Kunstmuseum Linz. Mehr zum Lentos im Ars-Electronica-Artikel und im Nordico-Artikel.

Auszeichnungen und Ehrungen

Im Lauf ihrer Karriere erhielt sie zahlreiche internationale Auszeichnungen:

  • Oskar-Kokoschka-Preis und Alfred-Kubin-Preis, der Große Kulturpreis des Landes Oberösterreich für Bildende Kunst - beide 2000
  • Kunstwürdigungspreis der Stadt Linz 2002
  • Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 2005
  • Ehrendoktorat der Kunstuniversität Linz 2009
  • Großes Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich 2010
  • Roswitha-Haftmann-Preis 2019 - der höchstdotierte Kunstpreis Europas
  • Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt am Main 2022, im selben Jahr das Große Silberne Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich

Nach ihrem Tod am 14. Mai 2026, drei Tage vor ihrem 86. Geburtstag, wurde sie in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt; bei der Trauerfeier verlas Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler einen eigens verfassten Text von Elfriede Jelinek. Bundespräsident Alexander Van der Bellen nannte sie eine „unbeugsame Vordenkerin und eine Ikone der Freiheit". Der oberösterreichische Landeshauptmann Thomas Stelzer erklärte gegenüber dem ORF, das Land verliere „eine außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeit von internationalem Rang".

In Linz ist ihr Werk durch das VALIE EXPORT CENTER und die Kunstuniversität Linz institutionell verankert.

VALIE EXPORT CENTER: Forschungsarchiv in der Tabakfabrik

2015 erwarb die Stadt Linz das Archiv der Künstlerin und übernahm es in die Sammlung des Lentos. Daraus entstand das VALIE EXPORT CENTER LINZ, das am 10. November 2017 eröffnet wurde - getragen von der Stadt Linz, dem Lentos Kunstmuseum und der Kunstuniversität Linz. Es beherbergt:

  • Den künstlerischen Vorlass der Künstlerin - Fotos, Videos, Skizzen, Schriften, Performance-Dokumente
  • Umfangreiche Forschungs- und Archivbestände zur Medien- und Performancekunst des 20. und 21. Jahrhunderts
  • Wechselausstellungen zu VALIE EXPORT und verwandten Kunst-Strömungen
  • Symposien und Publikationen zur feministischen Kunst und Aktionskunst

Das Center sitzt in der Tabakfabrik Linz, Peter-Behrens-Platz 9, 1. Stock, Stiege B, und arbeitet mit internationalen Partnerinstitutionen zusammen. Ein Besuch ist nur nach Voranmeldung möglich. Website: valieexportcenter.at. Für Kunst-Interessierte in Linz ist das Center eine der wichtigsten Adressen der zeitgenössischen Kunst-Forschung in Österreich.

Was Sie über VALIE EXPORT wissen sollten

Besuch des VALIE EXPORT CENTER

Das VALIE EXPORT CENTER ist primär Forschungseinrichtung und Archiv - regulärer Publikumsverkehr wie in einem Museum findet nicht statt. Der Zugang erfolgt über angemeldete Forschungsaufenthalte, Seminarveranstaltungen, öffentliche Vorträge und regelmäßige Wechselausstellungen. Die Ausstellungen sind über die Website und den Lentos-Kalender angekündigt. Für reguläre Valie-Export-Betrachtung ist das Lentos Kunstmuseum die Hauptadresse - dort sind Werke VALIE EXPORTs in der Dauerausstellung und in Wechselausstellungen immer wieder präsent. Das Lentos liegt an der Ernst-Koref-Promenade 1 und ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags bis 20 Uhr; Montag Ruhetag. Aktuelle Eintrittspreise auf lentos.at.

VALIE EXPORTs internationale Bedeutung

VALIE EXPORT zählt zu den international bekanntesten österreichischen Künstlerinnen und Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - vergleichbar in internationaler Präsenz mit Hermann Nitsch, Franz West oder Maria Lassnig. Ihre Werke werden in internationalen Retrospektiven gezeigt, unter anderem 2024 im C/O Berlin. Im feministischen Kunstdiskurs steht sie auf einer Stufe mit Carolee Schneemann, Yoko Ono, Marina Abramović - als eine der Pionierinnen der feministischen Aktionskunst der späten 1960er-Jahre. Für Linz ist sie eine der wichtigsten kulturellen Referenz-Persönlichkeiten - der UNESCO-City-of-Media-Arts-Titel wäre ohne ihre Arbeit und Biografie schwer vorstellbar.

VALIE EXPORT in Linzer Kultur-Kontext

In Linz steht VALIE EXPORT in einer Reihe bedeutender gebürtiger oder langjährig ansässiger Persönlichkeiten:

  • Anton Bruckner - Dom-Organist 1856-1868, mehr im Bruckner-Artikel
  • Adalbert Stifter - Landesschulrat 1850-1868, mehr im Stifter-Artikel
  • Johannes Kepler - Mathematicus 1612-1626, mehr im Kepler-Artikel
  • Hubert von Goisern - Alpine-Rock-Musiker mit OÖ-Verbindung, mehr im Goisern-Artikel
  • VALIE EXPORT - die einzige international weltbekannte Linzer Künstlerin im Performance-Kunst-Bereich

Die Linzer Kultur-Szene ist stolz auf VALIE EXPORT als ihre globale kulturelle Botschafterin - mit einer Kunst, die radikal, intellektuell anspruchsvoll und international referenziert ist. Mehr Linzer Künstler:innen im Linz-Künstler-Artikel.

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