Second Hand in Linz
In Österreich landen jährlich 200.000 Tonnen Kleidung im Müll. In Linz stehen dagegen zwei Systeme: das Netz der Sozialbetriebe mit Dutzenden Standorten und eine kleine Szene kuratierter Vintage-Läden. Wo Sie was finden, was es kostet und wie Sie selbst verkaufen.
Zwei Systeme, die kaum etwas miteinander zu tun haben
In Österreich werden jährlich rund 200.000 Tonnen Kleidung weggeworfen. Der Gebrauchtwarenhandel in Linz arbeitet an diesem Berg auf zwei völlig unterschiedlichen Wegen, und wer einkaufen will, sollte den Unterschied kennen.
Auf der einen Seite stehen die Sozialbetriebe: Caritas und Volkshilfe betreiben Läden, die aus Sachspenden gespeist werden. Das Sortiment ist breit, die Preise sind niedrig, die Auswahl hängt davon ab, was in der Vorwoche abgegeben wurde. Auf der anderen Seite steht eine kleine Szene kuratierter Vintage-Läden, in denen jemand gezielt einkauft, sortiert und aussortiert. Dort zahlen Sie mehr, bekommen aber Stücke, die eine Auswahl durchlaufen haben.
Das Netz der Sozialbetriebe
Die Volkshilfe Oberösterreich betreibt 21 Standorte im Bundesland, in denen gebrauchte, gut erhaltene Ware verkauft wird - Kleidung, Schuhe, Möbel und Elektrogeräte. Die Zentrale sitzt in der Glimpfingerstraße 48 in Linz. Nach eigener Darstellung läuft das Geschäft seit über 30 Jahren nach dem Prinzip Wiederverwendung statt Recycling, was den entscheidenden Unterschied macht: Ein Sessel, der weiterverkauft wird, muss nicht neu produziert werden.
Dazu kommen zwei Formate, die über den reinen Verkauf hinausgehen. Die SOMA-Sozialmärkte - zwei Standorte - geben Lebensmittel zu stark reduzierten Preisen an berechtigte Personen ab. Und in Repair- und Nähcafés zeigen Freiwillige, wie sich Dinge reparieren lassen, statt sie zu ersetzen. Die Übersicht führt die Volkshilfe OÖ.
Die Linzer ReVital-Shops der Volkshilfe liegen über das Stadtgebiet verteilt:
- Wiener Straße 478, 4030 Linz (Telefon +43 732 3405478)
- Simonystraße 27, 4030 Linz
- Glimpfingerstraße 48, 4020 Linz (Telefon +43 732 3405704)
- Freistädter Straße 58, 4040 Linz (Telefon +43 732 3405558)
Für Mode gibt es eine eigene Adresse: Der VOIX Store der Volkshilfe führt ausschließlich Second-Hand-Vintagemode mit Schwerpunkt auf den 1980er- und 1990er-Jahren, zu finden am Hessenplatz 11, geöffnet Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr. Der Betrieb versteht sich ausdrücklich als Gegenposition zu Fast Fashion, mehr dazu auf der Seite der Volkshilfe OÖ.
Die carla-Shops der Caritas
Den zweiten Strang bilden die carla-Shops der Caritas Oberösterreich. Der Linzer Hauptstandort liegt in der Baumbachstraße 3 und ist Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Das Sortiment umfasst Herren-, Damen- und Kinderbekleidung, Schuhe, Babyartikel, Sportgeräte und kleinere Möbelstücke - ausschließlich aus Sachspenden. Kontakt: 0676 8776 2761, Details auf der carla-Seite der Caritas OÖ.
Ein zweiter Standort liegt am Froschberg: das Café CARLA in der Leondinger Straße 22, geöffnet Dienstag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr (Telefon 0676 8776 2753). Dort finden zusätzlich Lagerflohmärkte mit Büchern, Schallplatten, CDs, Geschirr und Haushaltsartikeln statt, deren Termine jeweils kurzfristig angekündigt werden. Wer über die Stadtgrenze fährt: Der carla-Shop Mauthausen im Donaupark Mauthausen ist Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr und Samstag von 9 bis 17 Uhr geöffnet - und damit der einzige der drei mit Samstagsbetrieb. Das ist der praktische Unterschied zu den Flohmärkten, die fast ausschließlich am Wochenende laufen; die Termine dazu stehen im Beitrag zu den Flohmärkten in Linz.
ReVital: das System hinter den Shops
Ein Teil der Linzer Second-Hand-Läden trägt das Zeichen ReVital, und dahinter steckt mehr als ein Name. ReVital ist ein 2009 gestartetes Projekt des Landes Oberösterreich gemeinsam mit den Umweltprofis und den Sozialbetrieben - ein Netz aus Sammelstellen, Aufbereitungsbetrieben und Verkaufsläden, das europaweit als Modellprojekt für Abfallvermeidung gilt.
Der entscheidende Unterschied zu klassischen Gebrauchtwarenläden liegt in der Prüfung: Abgegebene Gegenstände werden fachlich kontrolliert, und nur was den ReVital-Qualitätsstandard bei Funktion, Vollständigkeit und Sauberkeit erfüllt, kommt in den Verkauf. Elektrogeräte und Fahrräder durchlaufen zusätzlich eine Sicherheitsprüfung. Wer dort eine Waschmaschine oder ein Rad kauft, kauft also keine Wundertüte.
Die Größenordnung: 28 ReVital-Shops gibt es inzwischen in Oberösterreich. 2024 wurden rund 1.681 Tonnen Altwaren vorgesammelt, davon gingen etwa 1.095 Tonnen als geprüfte Ware zurück in den Verkauf - eine Wiederverwendungsquote von rund 65 Prozent. Beschäftigt sind in diesem Netz mehr als 520 Menschen, 381 davon im Shopbereich, 144 in der Aufbereitung. Second Hand ist in Oberösterreich damit auch ein arbeitsmarktpolitisches Instrument, nicht nur ein Einkaufskanal.
Online kaufen: WIDADO
Wenig bekannt ist, dass die Sozialbetriebe längst auch online verkaufen. Unter dem Namen WIDADO betreiben mehr als 20 österreichische Sozialbetriebe eine gemeinsame Gebrauchtwarenplattform. Für Linz heißt das: Wer etwas Bestimmtes sucht - ein Möbelstück, ein Gerät, ein Buch -, muss nicht mehr jeden Laden abfahren, sondern kann vorher nachsehen, ob es in einem der angeschlossenen Betriebe liegt.
Moschi Modeantiquariat: 50er bis 90er
Der bekannteste Vintage-Laden der Stadt liegt in der Rainerstraße 13 und heißt Moschi Modeantiquariat. Inhaberin Helga Köhl führt ihn seit über zwei Jahrzehnten - und zwar ausdrücklich als Ort abseits des Trubels, in dem man in Ruhe durchschauen kann.
Das Sortiment reicht von den 1950er- bis in die 1990er-Jahre: Kleidung, Ledertaschen, Schuhe, Brillen, Schmuck, Mäntel, Anzüge, Hüte und Dekoratives. Zwei Dinge machen den Laden besonders. Erstens das Preisniveau: Nach Darstellung des Hauses liegt es deutlich unter dem, was Vintage-Geschäfte in Wien, Berlin oder London verlangen. Zweitens der Lagerbestand - wer etwas Konkretes sucht, bekommt Stücke aus dem Hinterzimmer geholt, die gar nicht im Verkaufsraum hängen. Dass hier auch Landestheater und Theater Phoenix Kostüme beziehen, sagt einiges über die Tiefe dieses Lagers.
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr, Samstag nach telefonischer Vereinbarung. Details auf moschi.org. Für Faschingskostüme, Motto-Partys oder ein Outfit im Stil der Siebziger ist das die naheliegendste Adresse der Stadt.
Vintage nach Gewicht
Ein zweites Modell hat sich in den vergangenen Jahren etabliert: Kilopreis statt Einzelpreis. Der Anbieter Nowhere Vintage ist genau daraus entstanden - aus Kilo-Sales, die zunächst als Veranstaltungen in der Tabakfabrik stattfanden und so gut liefen, dass daraus zuerst ein Pop-up und dann ein fixer Laden wurde.
Das Prinzip: Ein Kilogramm kostet einen fixen Betrag - zuletzt 40 Euro -, gekauft wird anteilig nach Gewicht. In der Praxis liegt ein T-Shirt damit bei 4 bis 6 Euro, eine Jeans bei 15 bis 25 Euro. Anders als bei Spendenware wird der Bestand von einem eigenen Einkaufsteam ausgesucht, der Schwerpunkt liegt auf den 1990er- und frühen 2000er-Jahren. Linz Tourismus führt den Linzer Standort in der Stelzhamerstraße 21 mit Öffnungszeiten von Montag bis Freitag, 14 bis 19 Uhr; auf der Website des Unternehmens sind derzeit nur die Filialen in Wien und Innsbruck gelistet. Vor einem gezielten Besuch lohnt daher ein kurzer Blick auf den aktuellen Stand.
Selbst abgeben statt wegwerfen
Der Kreislauf funktioniert nur, wenn Ware hereinkommt. Sowohl carla als auch die Volkshilfe nehmen Sachspenden an - gut erhaltene Kleidung, Schuhe, Hausrat, Bücher, kleinere Möbel. Zwei Faustregeln ersparen allen Beteiligten Arbeit: Abgegeben wird nur, was Sie selbst noch verwenden würden, und Textilien gehören sauber und trocken in die Sackerl. Defekte Elektrogeräte, verschmutzte Ware und Sperrmüll sind keine Spende, sondern Entsorgungskosten für den Betrieb.
Wer lieber selbst verkauft, hat in Linz den Kuriositätenmarkt am Samstagvormittag und die großen Flohmarkttermine im Jahreslauf - Standgebühren und Anmeldung stehen im Flohmarkt-Beitrag.
Nicht nur Kleidung: Möbel, Geräte, Bücher
Second Hand wird meist mit Mode gleichgesetzt, in Linz ist der größere Warenwert aber woanders unterwegs. In den Shops der Sozialbetriebe stehen Möbel, Elektrogeräte, Geschirr, Werkzeug, Bücher und Schallplatten - und gerade bei Möbeln ist der Preisunterschied zum Neukauf am deutlichsten.
Drei Kategorien lohnen besonders. Massivholzmöbel aus den 1960er- und 1970er-Jahren sind meist besser verarbeitet als aktuelle Ware im selben Preissegment. Küchengeräte und Werkzeug aus derselben Zeit haben oft Metallgetriebe statt Kunststoff und laufen weiter, wenn moderne Geräte längst getauscht wurden - hier zahlt sich die Sicherheitsprüfung der ReVital-Shops aus. Und Bücher und Platten sind der Bereich, in dem sich das Stöbern auch dann lohnt, wenn man nichts sucht.
Wer ein größeres Möbelstück findet, sollte den Transport vorher klären: Nicht alle Standorte liefern, und ein Kasten passt selten in den Kofferraum. Manche Betriebe bieten Zustellung gegen Aufpreis an - fragen Sie vor dem Kauf, nicht danach.
Worauf sich das Suchen lohnt
Aus der Praxis: Am meisten holen Sie bei Materialien heraus, die heute teuer sind - Wolle, Leder, Massivholz, alte Elektrowerkzeuge, Geschirr. Ein Wollmantel aus den Achtzigern kostet gebraucht einen Bruchteil eines neuen und hält oft länger. Umgekehrt lohnt die Suche nach gebrauchter Fast Fashion selten: Diese Stücke sind bereits neu am Ende ihrer Lebensdauer und landen deshalb überhaupt so schnell in den Spendensäcken.
Drei praktische Hinweise: Erstens gibt es in Sozialbetrieben in der Regel keine Umkleidekabinen im Boutique-Sinn - ziehen Sie etwas Enganliegendes an, über dem sich anprobieren lässt. Zweitens wechselt der Bestand nach den Spendeneingängen, ein zweiter Besuch zwei Wochen später zeigt ein völlig anderes Sortiment. Und drittens rechnet sich das Kilopreis-Modell nur bei leichten Stücken - ein Wintermantel nach Gewicht kann teurer werden als beim Einzelpreis.
Der beste Zeitpunkt
Gebrauchtware folgt einem Rhythmus. Die meisten Spenden kommen nach dem Frühjahrsputz, nach Umzügen im Sommer und rund um Weihnachten, wenn Neues das Alte verdrängt. In den Wochen danach sind die Regale am vollsten - das gilt für Kleidung ebenso wie für Hausrat. Umgekehrt sind Februar und die späten Sommerwochen die dünnsten Zeiten.
Wer auf Wintersachen aus ist, kauft am günstigsten im Frühjahr, wenn die Läden Platz brauchen; Sommerkleidung liegt im Herbst. Diese antizyklische Logik funktioniert im Gebrauchthandel besser als im regulären Handel, weil die Ware nicht nachbestellt werden kann und Lagerplatz das knappste Gut ist.
Warum die Szene wächst
Der Antrieb ist längst nicht mehr nur der Preis. Aktuelle Modetrends greifen fast durchgehend auf frühere Jahrzehnte zurück, weshalb Originale aus den Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern nicht als alt, sondern als aktuell gelten. Dazu kommt der ökologische Beweggrund, der gerade bei jüngeren Käuferinnen und Käufern zieht.
Für Linz bedeutet das eine ungewöhnliche Konstellation: Ein dichtes Netz von Sozialbetrieben, das ursprünglich für Menschen mit wenig Geld aufgebaut wurde, trifft auf eine Kundschaft, die aus Überzeugung gebraucht kauft. Beide profitieren davon - der Betrieb von der höheren Nachfrage, die Käuferschaft von einem Angebot, das es in dieser Dichte in kaum einer vergleichbaren Stadt gibt. Alle Angaben: Stand August 2026.