voestalpine Linz: Baustelle für grünen Stahl nimmt Form an
voestalpine präsentiert den neuen Elektrolichtbogenofen auf der Baustelle in Linz. Das 1,5-Milliarden-Projekt "Greentec Steel" soll ab 2027 Österreichs CO2-Ausstoß um fast fünf Prozent senken.
Mitten im laufenden Betrieb entsteht auf dem voestalpine-Gelände in Linz ein neues Stahlwerk. Der Konzern hat dieser Tage den neuen Elektrolichtbogenofen auf der Großbaustelle präsentiert - ein Meilenstein für das Transformationsprogramm "Greentec Steel", das mit einem Gesamtvolumen von rund 1,5 Milliarden Euro als das größte Klimaschutzprogramm Österreichs gilt.
Herzstück der Anlage ist der Elektrolichtbogenofen, der künftig Stahl mit Grünstrom statt mit Koks, Kohle und Gas erzeugen soll. Ab Frühjahr 2027 soll der Ofen den Betrieb aufnehmen - und mit Ende desselben Jahres den Hochofen 5 am Standort Linz ablösen.
Eine Großbaustelle in 20 Projekten
Der Umbau ist für den laufenden Betrieb eine logistische Herausforderung besonderer Art. Wie voestalpine-Vorstandsvorsitzender Herbert Eibensteiner betonte, entsteht das neue Stahlwerk buchstäblich innerhalb des produzierenden Werks. Die Baustelle verteilt sich über das gesamte Werksgelände und umfasst insgesamt 20 einzelne Projekte.
Die baulichen Dimensionen sind beträchtlich: Die neue Produktionshalle für den Elektrolichtbogenofen misst 100 Meter Länge und 65 Meter Höhe. Der höchste Punkt der Gesamtbaustelle liegt auf rund 60 Meter, der tiefste auf minus 25 Meter. Zum Projekt zählen auch eine rund 750 Meter lange Förderbandbrücke, neue Lagergebäude und Umspannwerke.
Die Stromversorgung des neuen Ofens erfolgt durch einen 1.732 Meter langen Mikrotunnel, durch den 220-kV-Kabel geführt werden. Im Betrieb sorgen rund 20.000 Kubikmeter zirkulierendes Grundwasser für die Kühlung der Kabel - ohne diese Kühlung würden sie sich auf rund 280 Grad Celsius erhitzen.
Strom statt Koks: Ein Technologiewechsel mit Ansage
Im Elektrolichtbogenofen kommt künftig ein Mix aus Stahlschrott, flüssigem Roheisen und sogenanntem HBI (Hot Briquetted Iron) zum Einsatz. Das unterscheidet sich fundamental vom bisherigen "Linz-Donawitz-Verfahren", bei dem im Hochofen gewonnenes flüssiges Roheisen in einem zweiten Schritt zu Rohstahl verarbeitet wird. Der neue Elektrolichtbogenofen ermöglicht diesen Prozess in einem einzigen Schritt - und ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Quellen.
Die Auftragsvergabe für das technologische Kernaggregat ging an Primetals Technologies Austria GmbH mit Sitz in Linz. Das Unternehmen zeichnet für die gesamte Prozessausrüstung verantwortlich, inklusive Automatisierung, Stromversorgung, Entstaubung und Wärmerückgewinnung. An dem Projekt arbeiten derzeit rund 550 Firmen mit - rund 90 Prozent davon kommen aus Österreich.
Klimaziel: 30 Prozent weniger CO2 bis 2029
Ab Inbetriebnahme der beiden neuen Elektrolichtbogenöfen - je einer in Linz und im steirischen Donawitz - will voestalpine seine CO2-Emissionen bis 2029 um rund 30 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 2019 senken. Das entspricht einer jährlichen Einsparung von knapp vier Millionen Tonnen Kohlendioxid.
Zum Vergleich: Österreich emittiert pro Jahr insgesamt rund 70 bis 75 Millionen Tonnen CO2. Die geplante Reduktion durch Greentec Steel entspricht damit fast fünf Prozent der gesamten nationalen Emissionen. Kein Wunder, dass CEO Eibensteiner das Programm als "größtes Klimaschutzprogramm Österreichs" bezeichnet.
Der Linzer Standort soll im Vollbetrieb jährlich rund 1,6 Millionen Tonnen CO2-reduzierten Stahl produzieren, der Donawitzer Ofen rund 850.000 Tonnen. Zusammen kommen beide Standorte auf eine Kapazität von rund 2,5 Millionen Tonnen grünen Stahls pro Jahr.
Finanzierung und wirtschaftliche Einordnung
Von den 1,5 Milliarden Euro Investitionsvolumen entfallen rund 70 Prozent auf den Standort Linz und 30 Prozent auf Donawitz. Ursprünglich war das Budget deutlich niedriger angesetzt - die Kostensteigerung um rund 50 Prozent gegenüber der ersten Planung begründete das Unternehmen mit der hohen Inflation sowie einer Erweiterung des Projekts. Zur Finanzierung des Umbaus verkaufte voestalpine das Tochterunternehmen Böhler Profil für rund 157 Millionen Euro, die direkt in die Transformation flossen.
Wirtschaftlich bewegt sich voestalpine trotz der hohen Investitionslast auf stabilem Kurs: Für das laufende Geschäftsjahr 2026/27 peilt der Konzern ein EBITDA zwischen 1,60 und 1,85 Milliarden Euro an. Rückenwind kommt vom regulatorischen Umfeld: Seit 1. Juli 2026 gilt ein verschärftes EU-Schutzsystem für Stahlimporte mit Strafzöllen von bis zu 50 Prozent auf Billigimporte über den zollfreien Kontingenten - ein klarer Vorteil für europäische Qualitätsproduzenten.
Hy4Smelt: Wasserstoff als nächste Stufe
Parallel zum Greentec-Steel-Hauptprojekt baut voestalpine am Standort Linz auch die Hy4Smelt-Demonstrationsanlage. Der Spatenstich dafür erfolgte im September 2025. Das Gemeinschaftsprojekt mit Primetals Technologies und dem Bergbaukonzern Rio Tinto verbindet eine wasserstoffbasierte Direktreduktion für ultrafeine Eisenerze mit einem elektrischen Schmelzprozess - und soll laut voestalpine die weltweit erste Anlage dieser Art im industriellen Maßstab werden.
Wie die voestalpine in ihrer offiziellen Pressemitteilung darlegt, belaufen sich die Gesamtkosten für Hy4Smelt auf rund 170 Millionen Euro. Die Inbetriebnahme ist bis Ende 2027 geplant, das Forschungsprojekt soll bis 2030 laufen. Ab Herbst 2026 sollen die Kernaggregate - darunter der Smelter-Ofen und die HYFOR-Reaktoren - auf der Baustelle ankommen.
Die Wasserstoffversorgung für Hy4Smelt kommt aus der H2Future-Elektrolyseanlage am Standort Linz, die voestalpine gemeinsam mit dem Verbund seit 2019 betreibt. Eine rund einen Kilometer lange Wasserstoffpipeline verbindet beide Anlagen auf dem Werksgelände.
Langfristiger Stufenplan bis 2050
Greentec Steel und Hy4Smelt sind erst der Anfang eines langfristigen Transformationsplans. Voestalpine betreibt derzeit noch fünf Hochöfen - drei in Linz, zwei in Donawitz. Ab 2030 sollen zwei weitere Hochöfen ersetzt werden: einer in Linz auf Elektrobetrieb umgestellt, einer in Donawitz stillgelegt. Bis 2050 will der Konzern vollständig aus der klassischen Hochofen-Technologie aussteigen und klimaneutral produzieren.
Für den Standort Linz als wichtigsten österreichischen Stahlstandort ist das Greentec-Steel-Programm damit nicht nur ein Klimaprojekt, sondern eine Weichenstellung für die Wettbewerbsfähigkeit der nächsten Jahrzehnte. Die steigende Nachfrage nach CO2-reduziertem Stahl - etwa aus der Luftfahrt- und Bahninfrastrukturbranche - verschafft voestalpine als frühem Umsteiger dabei einen strategischen Vorsprung. Stand: 13. September 2026.