LINZ JOURNAL
wirtschaft

DigiPalp-Handschuh: Linzer Start-up digitalisiert Palpation

Das Linzer Start-up sendance GmbH präsentiert mit dem System "DigiPalp" einen Smartsensor-Handschuh, der ärztliche Tastuntersuchungen erstmals objektiv messbar macht. Die Technologie wurde Ende August 2026 im Fachjournal "Science Advances" veröffentlicht.

· Von

Das Linzer Deeptech-Unternehmen sendance GmbH hat mit dem System "DigiPalp" einen Smartsensor-Handschuh entwickelt, der ärztliche Tastuntersuchungen - die sogenannte Palpation - erstmals digital erfassbar und objektiv vergleichbar macht. Die Technologie wurde Ende August 2026 im renommierten Fachjournal "Science Advances" vorgestellt.

Subjektive Diagnose wird zur Datenfrage

Die manuelle Palpation gehört seit Jahrhunderten zur ärztlichen Grunduntersuchung. Dabei tasten Medizinerinnen und Mediziner Gewebe, Organe oder Gelenke ab, um Hinweise auf Veränderungen - etwa Verhärtungen oder Tumore - zu gewinnen. Das grundlegende Problem: Die Ergebnisse sind von Person zu Person verschieden und lassen sich kaum objektiv dokumentieren oder über Zeit vergleichen.

Genau hier setzt das Linzer Start-up an. Vera Pamminger, Studienerstautorin der Publikation und Forscherin bei sendance sowie der Universität Linz, hat gemeinsam mit ihrem Team einen flexiblen Handschuh entwickelt, dessen Herzstück selbst entwickelte Berührungssensoren und magnetische Positionssensoren in den Fingerspitzen bilden. Die Kombination aus Druckdaten und räumlichen Informationen ermöglicht es, in Echtzeit eine Art digitalen Scan eines Körperteils anzufertigen.

Sechs Härtegrade und simulierte Knötchen erkannt

In der wissenschaftlichen Publikation zeigen die Forschenden, wie ein gesamter Oberkörper manuell abgetastet und gleichzeitig digital abgebildet werden kann. Dabei konnten sechs verschiedene Härtegrade des Gewebes erkannt und dargestellt werden. Besonders bemerkenswert: Der Handschuh spürte auch kleinere simulierte Knötchen auf, die Tumoren nachempfunden waren. Pamminger betonte gegenüber der Nachrichtenagentur APA, dass es sich derzeit um einen Prototyp handle - bei Interesse einer Partnerfirma könnte das System aber rasch weiterentwickelt werden.

Technisch kombiniert der "DigiPalp"-Handschuh selbstentwickelte dehnbare Berührungssensoren mit magnetischen Positionssensoren, die von einer externen Firma entwickelt wurden. Die Daten zu Gewebewiderstand und räumlicher Position fließen in Echtzeit zusammen und erlauben so erstmals einen reproduzierbaren, dokumentierten Tastbefund.

JKU-Spin-off mit preisgekrönter Technologie

Hinter sendance steht ein Forschungsteam rund um Robert Koeppe, Daniela Wirthl und Thomas Stockinger - eine Ausgründung des LIT Soft Materials Lab der Johannes Kepler Universität Linz unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Martin Kaltenbrunner. Das Unternehmen mit Sitz in der Pulvermühlstraße 3 in Linz-Urfahr wurde im März 2021 gegründet.

Bereits im April 2026 hatte sendance mit einem anderen Produkt auf sich aufmerksam gemacht: Beim Houskapreis der B&C Privatstiftung - dem größten privaten Forschungspreis Österreichs mit einer Gesamtdotierung von 750.000 Euro - holte das Linzer Unternehmen in der Kategorie "Forschung & Entwicklung in KMU" den ersten Platz und damit 150.000 Euro Preisgeld. Ausgezeichnet wurde damals die Technologie zur datenbasierten Anpassung orthopädischer Hilfsmittel wie Prothesen, Orthesen und Einlagen. Das Preisgeld soll noch 2026 in die Automatisierung der Produktion fließen.

Bedeutung für Linz als Medtech-Standort

Der Erfolg von sendance unterstreicht die wachsende Bedeutung der JKU Linz als Ursprung marktnaher Innovationen. Das Unternehmen steht exemplarisch für eine Reihe von Deeptech-Spin-offs, die in den vergangenen Jahren aus dem Linzer Universitätsumfeld hervorgegangen sind und internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Mit der Veröffentlichung in "Science Advances" erhält die DigiPalp-Technologie nun erstmals breite wissenschaftliche Sichtbarkeit - ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur klinischen Anwendung.

Wie die Johannes Kepler Universität Linz mitteilt, investiert sendance das Preisgeld des Houskapreises gezielt in den Ausbau der Produktionskapazitäten. Die Technologie wurde bereits in über 50 Pilotprojekten erprobt.

Stand: 31. August 2026